subotnik beim "aufbau"
ausmisten beim "aufbau". nee, halt! kommando zurück! ausmisten klingt nach mist. beim "aufbau" gibt's aber keinen mist. beim "aufbau" ist alles historisch. allerdings ähneln sich im aufräum-angang beide frappierend, das historische relikt und der olle mist - sie sind staubig.
im rücken blicken finster/bedeutend/renommiert die drei weisen aus dem gesternland: thomas mann, albert einstein, franklin d. roosevelt. folgende einwände irrlichtern durch den mit schwer tragenden regalen überfrachteten korridor und machen das wegschmeißen schwer bis unmöglich:
"... dem leo-baeck-institut vermachen"
"das gehört aber anja"
"das müssen wir aufheben, falls das mal einer braucht"
"da greift der andreas aber gerne hinter sich und zieht ein buch raus"
"da legen wir die noch zu besprechenden exemplare immer drauf, als erinnerung"
"da müssen wir erst den hausmeister fragen, ob man die alten neonröhren einfach so wegschmeißen kann"
"das da hinten auf dem fensterbrett sind aber monikas private sachen."
"das MÜSSEN wir aufheben."
"das ist historisch."
"das sind die computerkartons, falls wir die geräte mal einschicken müssen"
"telefonbücher sollte man auch ein paar alte dahaben"
"in den faz-feuilletons aus den 90ern sind immer so schöne artikel drin"
"die mäntel hängen hier, falls es mal kalt wird" (statt mäntel/kalt kann man auch beliebig schuhe/nass oder anzüge/empfang einsetzen)
ein blick in die schaltzentrale der "wichtigsten zeitung, von der sie noch nie gehört haben" ("jerusalem report" über "aufbau") läßt den aufräumwilligen praktikanten schon im vorfeld verzagen. schon unzählige aufräumer verzagten hier im vorfeld, viele verzweifelten im nachhinein, denn wie durch ein wunder wächst über nacht das weggeräumte wieder nach. bleibt die frage: wer gießt heimlich die papierberge und macht sie wieder wachsen?
der zahn der zeit könnte schuld sein. aber der muß schon für alles herhalten, so lange es die menschheit gibt. mittlerweile dürften der zeit die zähne langsam mal ausfallen.
immerhin. die topfpflanzen hat irgendwann keiner mehr gegossen. früher, unter henry "der legende" marx, sah das aufbau-büro aus wie ein gewächshaus. das sah ich in einem dokumentarfilm. nun hat offenbar das papier gesiegt. berge von büchern, zeitungen, akten türmen sich auf tischen, beistelltischen, in kartons, auf fensterbrettern und regalen, auf aktenschränken, aktenschränken, aktenschränken sowie darin, davor, dazwischen, darunter.
und das soll nun weg oder anders oder nicht oder was?
zögerlich, beschlussfassend, verwerfend, die ärmel hoch- und wieder runterkrempelnd. ich wär dann soweit. wann geht es los? jetzt!
okay, jetzt. und wo?
tja, wo! (und die mutter blicket stumm/auf dem vollen tisch herum)
im flur! im flur geht's los! da im regal haben wir letztes jahr aufgeräumt, die beiden unteren fächer. das darüber ist vor fünf jahren aufgeräumt worden, das vorletzte oben vor zehn jahren, aber ganz oben war schon seit zwanzig jahren keiner mehr.
ha! das klingt nach schatzsuche, gralshebung, staubaspiration vom feinsten! da will ich hoch, hoch hinaus, mit der wackseligen leiter, mit putzschwamm und gefallsucht, die nach langem schmerzvollen ringen über die fallsucht siegt. hinauf! da gibt's kein halten mehr! mappen heruntergereicht, kisten über kisten über kartons. wollmäuse fallen wie sterntaler vom himmel, nur mehr und langsamer, fallen auf schreibmaschinentische ohne schreibmaschinen, auf "50 jahre aufbau"-kataloge, auf die abonnenten-kartei, von welcher aus unerfindlichen gründen alle ausdrucke aufbewahrt worden sind, auf kisten mit jubliäumsausgaben und jüngere jahrgänge, fallen auf weitere putzende praktikanten, von denen einer bei cola und kuschelrock mit dem teppichmesser durch die alte auslegware fährt wie ein metzger durchs rind.
heute ist ein historischer tag, heute wird der alte teppichboden rausgerissen, unter dem sich noch älterer teppichboden befindet, auf dem berühmte füße gegangen sind, ratlos, geschäftig, stockend, stampfend. in guten schuhen, abgelaufenen schuhen, zu engen schuhen, robusten schuhen: manfred george, hannah arendt, vielleicht auch einstein, der hat ja drüben in princeton gewohnt, thomas mann eher nicht, der lebte ja in kalifornien (oder doch? denn er war im aufbau-beirat, wie lion feuchtwanger auch, und...) aaaah! hier atmet geschichte! was macht's, wenn man davon eine staublunge kriegt?
da darf man eigentlich nichts wegschmeißen! gar nix! das wäre frevel, sünde, hühnerkram. da darf man nur behutsam ändern, änderungen vornehmen, die niemandem wehtun, keinem leser wehtun, keinem toten wehtun, höchstens einem teppich und einem staub. da! ein rolodex-telefonregister, das noch die telefonnummer von hannah arendt enthält (falls jemand anrufen will: die telefonnummer steht in der new york times vom 23.6.2001, aber es wird niemand zu hause sein). aufheben? wegwerfe? dem leo-baeck-institut...?
wer will, darf, kann das entscheiden?
und da! spendenquittungen, falls mal die steuer kommt. aufheben! und hier! alte zeitschriften, falls mal jemand in alten zeitschriften blättern will. sütterlin-briefe von lesern, die längst gestorben sind. schwer zu definierende dokumente in beeindruckenden ledermappen, die feucht abgewischt und wieder ins regal gepackt werden. aufheben!
mal versteigern? ein "aufbau"-museum machen? verschenken? an leo baeck? eines tages werden sie wertvoll sein, heute und morgen vielleicht noch nicht, aber in hundert jahren, wenn der "aufbau" immer noch wacker gegen staub und vergessen, fürs erbe und ums überleben kämpft. wenn neue enthusiasten hier sind, die für kein oder wenig geld viel oder sehr viel arbeiten, nächtelang, ohne urlaub, ohne pausen arbeiten, die zeitung machen und abos verkaufen und geschichten redigieren und immer neue praktikanten erinweisen, immer von vorn und immer für kurz, die schoko mousse von fairway's holen und streiten, wo am produktionsmontag essen gegangen wird.
aus dem briefumschlägen, die wir an diesen tag aus kartons holen, kann man eine kette tackern, einmal zum mond, drumrum und zurück. eine briefkette. eine kettenbrief-aktion um die welt, im namen des "aufbaus", weltumspannend, traditionsbewußt, immerhin wurde die zeitung in ihrer blüte in über dreißig ländern gelesen, argentinien, brasilien, australien, südafrika, großbritannien, deutschland natürlich, frankreich, israel auch.
früher gab es eine große jüdische kolonie in shanghai und auf den philippinen und auf kuba. besonders stolz ist der "aufbau" auf eine über 90jährige leserin aus simbabwe. eine briefumschlag-kette um die ganze welt. aufheben! alle jahrgänge sind seit dem gründungsjahr 1934 in doppelter ausführung gebunden worden, die alten völlig zerschlissen, denn das papier war sehr schlecht in den 30er 40er jahren, die wartung ließ auch zu wünschen übrig. alles aufheben! auch den hanukkah-leuchter ohne leuchten. irgendwo sind die leuchten, und wenn wir den leuchter jetzt wehwerfen und nachher die leuchten finden...
traurig warten vergilbte kartons, sich von aktenschränken wegbiegend, von morschem teseband gehalten, auf das ende der sieben-tage-woche. weg damit! runterreißen! halt! nein! das sind erinnerungen! da wohnt der geist der alten "aufbau"-redakteure! merkwürdig nur eines. nach mehrstündigem engagiertem ausdünnen des aktuellen bestandes stehen große papierstapel neben dem lastenaufzug im flur der büroetage des vierten stockes. die nebenan trainierenden karate-kämpfer dürften schwierigkeiten haben, zum klo zu kommen. der hausmeister wird die hände überm kopf zusammenschlagen und möglicherweise fluchen oder weinen. trotzdem sieht im flirrenden licht der abendsonne das büro aus wie immer: gemütlich, irgendwie 50er, nach arbeit - und brechend voll.
im rücken blicken finster/bedeutend/renommiert die drei weisen aus dem gesternland: thomas mann, albert einstein, franklin d. roosevelt. folgende einwände irrlichtern durch den mit schwer tragenden regalen überfrachteten korridor und machen das wegschmeißen schwer bis unmöglich:
"... dem leo-baeck-institut vermachen"
"das gehört aber anja"
"das müssen wir aufheben, falls das mal einer braucht"
"da greift der andreas aber gerne hinter sich und zieht ein buch raus"
"da legen wir die noch zu besprechenden exemplare immer drauf, als erinnerung"
"da müssen wir erst den hausmeister fragen, ob man die alten neonröhren einfach so wegschmeißen kann"
"das da hinten auf dem fensterbrett sind aber monikas private sachen."
"das MÜSSEN wir aufheben."
"das ist historisch."
"das sind die computerkartons, falls wir die geräte mal einschicken müssen"
"telefonbücher sollte man auch ein paar alte dahaben"
"in den faz-feuilletons aus den 90ern sind immer so schöne artikel drin"
"die mäntel hängen hier, falls es mal kalt wird" (statt mäntel/kalt kann man auch beliebig schuhe/nass oder anzüge/empfang einsetzen)
ein blick in die schaltzentrale der "wichtigsten zeitung, von der sie noch nie gehört haben" ("jerusalem report" über "aufbau") läßt den aufräumwilligen praktikanten schon im vorfeld verzagen. schon unzählige aufräumer verzagten hier im vorfeld, viele verzweifelten im nachhinein, denn wie durch ein wunder wächst über nacht das weggeräumte wieder nach. bleibt die frage: wer gießt heimlich die papierberge und macht sie wieder wachsen?
der zahn der zeit könnte schuld sein. aber der muß schon für alles herhalten, so lange es die menschheit gibt. mittlerweile dürften der zeit die zähne langsam mal ausfallen.
immerhin. die topfpflanzen hat irgendwann keiner mehr gegossen. früher, unter henry "der legende" marx, sah das aufbau-büro aus wie ein gewächshaus. das sah ich in einem dokumentarfilm. nun hat offenbar das papier gesiegt. berge von büchern, zeitungen, akten türmen sich auf tischen, beistelltischen, in kartons, auf fensterbrettern und regalen, auf aktenschränken, aktenschränken, aktenschränken sowie darin, davor, dazwischen, darunter.
und das soll nun weg oder anders oder nicht oder was?
zögerlich, beschlussfassend, verwerfend, die ärmel hoch- und wieder runterkrempelnd. ich wär dann soweit. wann geht es los? jetzt!
okay, jetzt. und wo?
tja, wo! (und die mutter blicket stumm/auf dem vollen tisch herum)
im flur! im flur geht's los! da im regal haben wir letztes jahr aufgeräumt, die beiden unteren fächer. das darüber ist vor fünf jahren aufgeräumt worden, das vorletzte oben vor zehn jahren, aber ganz oben war schon seit zwanzig jahren keiner mehr.
ha! das klingt nach schatzsuche, gralshebung, staubaspiration vom feinsten! da will ich hoch, hoch hinaus, mit der wackseligen leiter, mit putzschwamm und gefallsucht, die nach langem schmerzvollen ringen über die fallsucht siegt. hinauf! da gibt's kein halten mehr! mappen heruntergereicht, kisten über kisten über kartons. wollmäuse fallen wie sterntaler vom himmel, nur mehr und langsamer, fallen auf schreibmaschinentische ohne schreibmaschinen, auf "50 jahre aufbau"-kataloge, auf die abonnenten-kartei, von welcher aus unerfindlichen gründen alle ausdrucke aufbewahrt worden sind, auf kisten mit jubliäumsausgaben und jüngere jahrgänge, fallen auf weitere putzende praktikanten, von denen einer bei cola und kuschelrock mit dem teppichmesser durch die alte auslegware fährt wie ein metzger durchs rind.
heute ist ein historischer tag, heute wird der alte teppichboden rausgerissen, unter dem sich noch älterer teppichboden befindet, auf dem berühmte füße gegangen sind, ratlos, geschäftig, stockend, stampfend. in guten schuhen, abgelaufenen schuhen, zu engen schuhen, robusten schuhen: manfred george, hannah arendt, vielleicht auch einstein, der hat ja drüben in princeton gewohnt, thomas mann eher nicht, der lebte ja in kalifornien (oder doch? denn er war im aufbau-beirat, wie lion feuchtwanger auch, und...) aaaah! hier atmet geschichte! was macht's, wenn man davon eine staublunge kriegt?
da darf man eigentlich nichts wegschmeißen! gar nix! das wäre frevel, sünde, hühnerkram. da darf man nur behutsam ändern, änderungen vornehmen, die niemandem wehtun, keinem leser wehtun, keinem toten wehtun, höchstens einem teppich und einem staub. da! ein rolodex-telefonregister, das noch die telefonnummer von hannah arendt enthält (falls jemand anrufen will: die telefonnummer steht in der new york times vom 23.6.2001, aber es wird niemand zu hause sein). aufheben? wegwerfe? dem leo-baeck-institut...?
wer will, darf, kann das entscheiden?
und da! spendenquittungen, falls mal die steuer kommt. aufheben! und hier! alte zeitschriften, falls mal jemand in alten zeitschriften blättern will. sütterlin-briefe von lesern, die längst gestorben sind. schwer zu definierende dokumente in beeindruckenden ledermappen, die feucht abgewischt und wieder ins regal gepackt werden. aufheben!
mal versteigern? ein "aufbau"-museum machen? verschenken? an leo baeck? eines tages werden sie wertvoll sein, heute und morgen vielleicht noch nicht, aber in hundert jahren, wenn der "aufbau" immer noch wacker gegen staub und vergessen, fürs erbe und ums überleben kämpft. wenn neue enthusiasten hier sind, die für kein oder wenig geld viel oder sehr viel arbeiten, nächtelang, ohne urlaub, ohne pausen arbeiten, die zeitung machen und abos verkaufen und geschichten redigieren und immer neue praktikanten erinweisen, immer von vorn und immer für kurz, die schoko mousse von fairway's holen und streiten, wo am produktionsmontag essen gegangen wird.
aus dem briefumschlägen, die wir an diesen tag aus kartons holen, kann man eine kette tackern, einmal zum mond, drumrum und zurück. eine briefkette. eine kettenbrief-aktion um die welt, im namen des "aufbaus", weltumspannend, traditionsbewußt, immerhin wurde die zeitung in ihrer blüte in über dreißig ländern gelesen, argentinien, brasilien, australien, südafrika, großbritannien, deutschland natürlich, frankreich, israel auch.
früher gab es eine große jüdische kolonie in shanghai und auf den philippinen und auf kuba. besonders stolz ist der "aufbau" auf eine über 90jährige leserin aus simbabwe. eine briefumschlag-kette um die ganze welt. aufheben! alle jahrgänge sind seit dem gründungsjahr 1934 in doppelter ausführung gebunden worden, die alten völlig zerschlissen, denn das papier war sehr schlecht in den 30er 40er jahren, die wartung ließ auch zu wünschen übrig. alles aufheben! auch den hanukkah-leuchter ohne leuchten. irgendwo sind die leuchten, und wenn wir den leuchter jetzt wehwerfen und nachher die leuchten finden...
traurig warten vergilbte kartons, sich von aktenschränken wegbiegend, von morschem teseband gehalten, auf das ende der sieben-tage-woche. weg damit! runterreißen! halt! nein! das sind erinnerungen! da wohnt der geist der alten "aufbau"-redakteure! merkwürdig nur eines. nach mehrstündigem engagiertem ausdünnen des aktuellen bestandes stehen große papierstapel neben dem lastenaufzug im flur der büroetage des vierten stockes. die nebenan trainierenden karate-kämpfer dürften schwierigkeiten haben, zum klo zu kommen. der hausmeister wird die hände überm kopf zusammenschlagen und möglicherweise fluchen oder weinen. trotzdem sieht im flirrenden licht der abendsonne das büro aus wie immer: gemütlich, irgendwie 50er, nach arbeit - und brechend voll.
erschienen in else-buschheuer.de, das new-york-tagebuch, kiwi 2002