liv tyler
10 uhr. "one two three". die australierin checkt ihr aufnahmegerät. "gleich kommt sie", sagt der belgier aufgeregt. "sie ist übrigens nur zwei minuten in teil 1 zu sehen", sagt der israeli. "im teil 2 kriegt sie fünf minuten." - "spricht sie über ihr privatleben?", fragt der engländer. "jedes jahr weniger", sagt die australierin. "wir nennen das den justin-timberlake-effekt. das einzig interessante an ihm ist seine beziehung zu britney spears, aber über die redet er nicht. liv redet nicht mehr über ihren vater." der hamburger kollege motzt mich an, es sei nur ein deutscher journalist pro zimmer erlaubt. "du hast nachher noch ein einzelinterview mit liv?", seufzt der belgier. "ich beneide dich."
10.15 uhr. mrs. page von der filmfirma meldet, liv tyler werde sich etwas verspäten. "dabei wohnt die in new york", schimpft der brasilianer. "ach", der belgier horcht auf. "wo denn?" - "east village", sagt der israeli. "west village", sage ich. "sie hat dort ein haus gekauft." - "warum kommt die denn dann zu spät?", fragt der brasilianer. "die u-bahn ist ausgefallen", sagt die australierin. wir lachen.
10.30 uhr. der holländer liest die financial times. der israeli macht ein nickerchen. der brasilianer sieht aus dem fenster. der belgier schmachtet. noch zehn minuten, meldet mrs. page. die australierin überlegt, ob sie noch rasch einen frappuchino bei starbucks rausholt. "ist sie immer noch mit dem rockmusiker zusammen?", frage ich. "verlobt!!", betont die australierin. "seit vier jahren!" - "da kommt sie!", ruft der brasilianer. "auf der park avenue. mit elijah wood." wir rennen alle zum fenster. nix zu sehen. "war nur spaß", sagt er.
"vielleicht ist sie gar nicht mehr mit dem rockmusiker zusammen", sage ich. "doch. sie wurden erst kürzlich backstage auf einem seiner konzerte gesehen", sagt die australierin und gähnt. "knutschend. wie heißt der typ noch?" ich blättere in meinem material. auf einem der fotos sieht livs mund aus wie eine klaffende fleischwunde. tom kummer hat liv tyler mal gefragt, was ihr zu ihrem eigenen mund einfällt. vagina, vagina, vagina, hat sie antwortet. soll sie geantwortet haben. "langdon irgendwas", lese ich vor. "ja genau", sagt die australierin. "wir könnten ja behaupten, ihr verlobter wurde neulich fotografiert, beim sex mit einem groupie." wir lachen.
10.45 uhr. die tür geht auf. herein kommt ein riese mit bart, gezupften augenbrauen und einer augenpartie, die silikonunterspritzt aussieht. der mann hat eine dieser raumfüllenden bühnenstimmen und den hang zum monolog. die querfalte über der nase, kein zweifel, es ist gimli, der zwerg. der ist also nicht wirklich ein zwerg. aber wen interessiert's? und wo ist liv? ich gehe raus. sie hatten mir liv tyler versprochen, sage ich zu mrs. page. kommt gleich, sagt page.
11.00 uhr. liv kommt wirklich. kleiner und kräftiger als ich dachte. folklorebluse, jeans, schwarze flipflops, rote zehennägel, langes glattes schwarzes haar. haut wie seidenpapier. kein mikroskop der welt würde einen mitesser finden. madonnenhafter mittelscheitel. blaue klare augen. und der besagte mund. "sorry", sagt liv mit einer gedehnten hauchigen tussistimme. "ich war gestern aus bis drei uhr morgens. bin ich zu spät?" ach wo, beteuern wir. ein hotelpage bringt liv einen obstteller. danke, sweatheart, haucht sie, und führt eine halbe erdbeere ein. vagina vagina vagina.
die dreharbeiten seien wirklich wirklich wirklich intensiv gewesen. jaja, sie gehe regelmäßig ins fitnessstudio. ja, sie nehme gesangsunterricht. "zu warm hier", ruft sie, "ich kann nicht denken". sweetheart schaltet den air conditioner ein, hilft aber auch nix.
"fragt mich was zum film", quengelt liv. wir fragen was zum film. "ist schon sooo lange her", quengelt sie. ein stück honigmelone verschwindet in ihrem monster von mund, während sie langsam alle restsympathien verspielt. warum tut sie das? ein herzliches wort, ein lächeln, was weiß ich, es wäre so leicht, die ganze weltpresse auf einen schlag, aber liv hat keinen bock. sie spitzt das schnütchen, macht kleine manierierte kauer. "sie sind jetzt seit vier jahren verlobt. wann heiraten sie endlich?", fragt die australierin. liv wirft die gabel auf den teller. "ihr seid alle gleich", schreit sie. "immer wollt ihr sowas wissen!"
als die mexikanerin aber wissen will, wie man unsterblichkeit spielt, klagt liv: "nicht so schwere fragen!" - "wollen sie eine leichte?", sage ich. "ach ja bitte", sagt sie. "rauchen sie gar nicht mehr?" - "ich hab aufgehört", sagt sie stolz, "am 2. juli, aber es ist furchtbar, ich kann an nichts anderes denken." dann ist die zeit abgelaufen. liv zieht sich zurück. ich schließe mich der nächsten gruppe an, um in den nächsten disput mit dem nächsten deutschen journalisten zu geraten.
11.45 uhr. liv kommt, eine tasse cafe latte in der hand. sie ist müde. sie ist genervt. sie hat weißgott besseres vor. "darf die denn das, immer mitkommen?", fragt sie mrs. page, als sie mich erkennt. sie findet fast alle fragen zu kompliziert. sie hat keine lust, fragen zu beantworten, die die erste gruppe schon gestellt hat. das lässt mich mit grausen an die fünf weiteren gesprächsrunden denken. liv möchte nicht über ihren vater sprechen. liv findet schönheitschirurgie furchtbar. liv mag keine tattoos. "man selbst zu bleiben ist in dem business ist schwer", säuselt sie und sieht mich an, als würde allein meine anwesenheit sie daran hindern.
welches buch gerade auf ihrem nachttisch liege, fragt der japaner. keins, sagt liv, sorry. welche cd gerade in ihrem cd-player sei. keine, sagt liv, sorry. wann sie heiraten wolle, fragt die französin. liv macht eine schnute. "jeder fragt mich das!"
in der pause winkt mich mrs. page heran. "bad news", sagt sie. "sie müssen sich ihr einzelinterview mit einem japanischen kollegen teilen. jeder zehn minuten."
12.30 uhr. die deutsche in der nächsten gruppe hat nichts gegen konkurrenz. liv kommt rein. "ihr habt glück", ruft sie. "ich hab plötzlich gute laune. in den ersten zwei interviews i was really a bitch. fragt die, die weiß es." sie zeigt auf mich. ein ungarischer filmjournalist reißt livs gute laune mit dem arsch wieder ein. wie sie den regisseur künstlerisch einstufe, welchem weiblichen star sie nacheifere und wie sie ihre eigenen schauspielerischen fähigkeiten beurteile. liv furcht die stirn, weiß wie schnee, dreht ihre haare, schwarz wie ebenholz, kaut auf ihrer oberlippe, rot wie blut und wirft dem ungarn einen blick zu, aus augen, blau wie eisbonbons. "ich weiß nicht, was sie wollen", sagt sie. "wisst ihr, was er will?" wir stellen uns tot. "sorry," sagt liv und wühlt in ihrer weinroten wildledertasche, "ich kann das heute…. kurz vorm lunch…. in new york city… nicht beantworten." wir denken alle dasselbe: du bist ein verzogenes balg ohne manieren, das keine weltpresse verdient hat, sondern den arsch voll. "ich bin langweilig," haucht liv und zieht ihr blusenband lang, "sorry." sie tut mir plötzlich leid. wer kann schon was dafür, wenn er langweilig ist? hier wirft sich die frage auf, ob schneewittchen eigentlich langweilig war. wir wissen es nicht. es ist nichts überliefert. schneewittchen ist nie interviewt worden. niemand kommt auf die idee, märchenfiguren zu interviewen. wer hat die schwachsinnige idee gehabt, schauspieler hätten was zu sagen?
livs ratloser blick streift mich. ihre wimpern sind lang, dicht, dunkel. sie ist so schön, dass es wehtut. ich möchte sie retten. aber das übernimmt schon ms. page. lunchpause. vor der tür spricht mich liv an. "was für ein foto macht ihr von mir auf den titel?" meines wissens ist liv überhaupt nicht auf dem titel. "kein altes, doofes!", quengelt sie. kein altes doofes. ich verspreche es ihr. später auf dem klo belausche ich zwei journalistinnen. "hädädäh", macht die eine livs tonfall nach. "ich bin so schön und so berühmt, und ihr seid alle blöde hobbits!".
14.15 uhr. nach der lunchpause werde ich in eine gruppe geführt, in der bereits zwei deutsche kollegen sind. es gibt ein erbittertes wortgefecht, als ich mich weigere zu gehen.
14.30 uhr. liv kommt nicht.
14.45 uhr. mrs. page sagt, liv hätte einen emergency call und würde sich daher verspäten. "was denkt die denn, wer sie ist?", fragt einer der deutschen. "ja wohl bloß die tochter von einem rockstar und einem groupie. und was hat sie in ihrem leben geleistet? nichts. in einem video hat sie mitgespielt". - "na, und in filmen", sagt der engländer. "armageddon, na vielen dank", sagt der deutsche. mrs. page kommt. "wir müssen umdisponieren," sagt sie. "jetzt kommt erst mal elijah wood." sie winkt mich raus. vor der tür steht ein junger mann mit locken und hervorquellenden blauen augen. er trägt ein rotes sweatshirt und stretchjeans. "willst du auch liv tyler interviewen?", frage ich. "interviewe lieber ein tischbein." er grinst. "nein, ich springe sozusagen ein." - "geht los, elijah", ruft ms. page und schubst den jungen ins zimmer. ach, das war elijah wood, der ex von franka potente? ich schäme mich, aber nicht lange.
15.30 uhr. wir hängen eine stunde. in der nächsten gruppe ist kein deutscher. auftritt liv. "hi, ich hasse euch alle." wir lachen gequält. "ich bin nicht sooo super in form heute", erklärt liv. "was denkst du, was dein image ist", fragt ein enrice-iglesias-double. ihre lippen stülpen sich ihm entgegen. "weiß nicht", sagt sie. "sag du es mir!" - "wild," sagt er. "gefällt mir", sagt sie und steckt die glitzernde zungenspitze durch die zähne. ich bin plötzlich wütend auf tom kummer. "was machen sie so in ihrer freizeit?", fragt enrice. "wir haben ein landhaus, da fahren wir oft hin", sagt sie. "wir reisen gerne. wir haben im village ein haus gekauft, das wir grad renovieren." der türkische journalist ist dran: "haben sie als model komplexe zwischen all den schauspielern?" - "ich weiß nicht, was sie meinen", sagt sie scharf. "ich habe zum letzten mal mit 14 als model gearbeitet." der türke packt eine aktuelle zeitschrift aus und zeigt auf das titelbild. livs gesicht verdüstert sich. offenbar eines der ungeliebten fotos. sie dreht sich hilfesuchend gen tür. ein königreich für mrs. page. aber mrs. page kommt nicht. es ist enrice, der die situation rettet. er schenkt ihr ein magazin, in dem ihre halbschwester abgebildet ist. "ist sie nicht wunderschön?", sagt liv und hält uns ein sportlich dralles mädchen hin. "haben sie ähnliche charaktere?", fragt eine französische journalistin. liv dreht zwei haarsträhnen umeinander. "hmmmm, ich komm mehr nach meinem vater", murmelt sie. "wie ist denn ihr vater?", fragt listig die französin. "ooch", sagt liv, "… fragt doch was zum film!" ich spüre erleichterung, als mrs page erscheint. "du hast ein einzelinterview mit liv?", fragt der türkische journalist. "mein beileid."
16.30 uhr. ich bin nun wieder in der gruppe mit den beiden deutschen journalisten. einer davon ist inzwischen gegangen. "hi", sagt liv matt. "das ist ja ein ziemlich kleiner auftritt in herr der ringe ii", sagt der deutsche. "ach!", sagt liv. "haben sie den film denn gesehen?" - "er ist ja noch nicht fertig", sagt der deutsche, "leider, aber ich hörte davon." - "von wem?", fragt sie böse. "ist doch egal von wem", sagt der deutsche ebenso böse. sie schweigt. "sind sie häuslich?", fragt die russin. "ich weiß nicht, was ich antworten soll," sagt liv. "zum beispiel, ob sie gern kochen und wenn ja, was?" pfff, macht sie, "ich koche gern, aber was… das weiß ich jetzt nicht." - "die frage ist relativ einfach", sagt der deutsche journalist langsam. ich finde, man sollte das mädel in ruhe lassen.
"eine gute nachricht", raunt mrs. page mir zu. "sie kriegen die zehn minuten alleine, der japanische kollege … ähm…möchte nicht mehr." - "viel spaß", höhnen die anderen, als ich aufgerufen werde. ich packe mein tonband aus. liv sitzt am tisch, den rücken durchgedrückt. sie sieht mich traurig an. "lag es an mir?", fragt sie leise. ich hab plötzlich eine idee. "wissen sie was? einfach mal entspannen, füße auf den boden, augen zu…" sie hört aufs wort. ich lege meine hände auf ihren schönen kopf und gebe ihr ein reiki. die energie fließt. "mir wird ja ganz - heiß", flüstert sie. vagina vagina vagina. "die zeit ist um", sagt irgendwann von irgendwo die stimme von mrs. page. liv öffnet die augen und sieht sich verwirrt um. page führt sie hinaus. "ich fühle mich so…leicht", sagt liv lächelnd. "sie müssen jetzt viel wasser trinken", rufe ich ihr nach. dann packe ich mein tonband ein. ich habe es gar nicht benutzt.