ich habe einen traum
in meinem traum lebe ich in uptown new york, im cheffield-haus in manhattan, 57. straße, zwischen 7. und 8. avenue. hinter meinem haus beginnt der central park. mein doorman trägt einen hut und weiße handschuhe. er lächelt, wenn er mich sieht. er sieht ein bisschen aus wie harald schmidt. wir reden nie miteinander, nicken uns nur zu. ich rede nicht gern. ich habe genug geredet. was ich zu sagen habe, das schreibe ich.

mein apartment liegt im 45. stock, mit blick auf midtown. von nirgendwo sieht new york so schön aus wie von hier, deswegen bleibe ich meist zu hause und schaue aus dem fenster. ich bewohne ein ganzes stockwerk. es besteht aus zwei wohnungen. meine wohnung ist tabu, niemand betritt sie außer mir. schalldicht, mit dicken türen. keine klingel. kein telefon. kein fax. nur internet, ich bin tag und nacht online. wenn jemand mit mir kontakt aufnehmen will, muss er mir eine e-mail schreiben. dann ertönt ein zartes, kleines ploing, ein akkord. es sei denn, ich habe den ton weggeschaltet.

in meiner wohnung steht ein kingsize-bett, an der decke hängt ein riesiger, flacher fernseher, in der ecke steht ein weiterer. ich besitze einen großen pc, das jeweils neueste modell, mit flatscreen, und einen laptop.

wenn ich am computer sitze, meist nachts, sehe ich draußen die lichter von new york. ich befinde mich in einem dauerzustand von hoch kreativer einsamkeit. ungestört, unbehelligt, im zentrum der stadt, über der stadt. das ist für mich der idealzustand: mittendrin und doch isoliert.

an der wand meines living rooms hängen meine beiden gemälde, "müde" von kacha gigauri und "wolf" von frank walka. die habe ich vor jahren aus deutschland mitgebracht. damals wollte ich nur drei monate bleiben. das ist zehn jahre her. deutschland interessiert mich nicht mehr. ich habe deutschland vergessen. ich lese keine zeitungen. deswegen weiß ich gar nicht, ob es deutschland noch gibt.

es gibt eine große bibliothek, randvoll mit büchern, die ich bei amazon bestellt habe. in einem weiteren zimmer befindet sich eine videothek. ich verfüge auch über ein heimkino. manchmal kaufe ich kopien von alten filmen, lasse sie restaurieren und mache zu hause eine kleine, private wiederaufführung, im engsten kreise, nur für mich allein. mein schwerpunkt: stummfilm, film noir, western. meine bevorzugten regisseure: stroheim, welles, wilder, hitchcock, sirk. ich besitze auch die über acht stunden dauernde fassung von erich von stroheims "greed", die die ganze welt sucht.

im bad ist ebenfalls ein fernseher, denn ich liebe es, beim fernsehen zu baden. überall liegen aufgeklappte bücher, zeitungen, zeitungsfetzen, kopierte artikel, papierkram. an wäscheleinen hänge ich meine handschriftlichen notizen auf. mit bunten klammern. gedanken. gedanken müssen gut abgehangen sein. wenn sie dann noch was taugen, kommen sie in meine romane.

ich habe ein minimum an kleidung, zwei dutzend schwarze rollkragenpullover, weit geschnittene bequeme hosen, flache schuhe. ich besitze kein schminkzeug, denn ich brauche keines. wenn mir haare ins gesicht hängen, nehme ich die schere und schneide sie ab. es gibt keine spiegel in meiner wohnung. ich habe vergessen, wie ich aussehe. ich weiß auch nicht mehr, wie ich mal ausgesehen habe. eine küche gibt es nicht. an essen benötige ich nur ein minimum. ich ernähre mich von brathering und eierlikör. es sind immer frische kirschen im haus.

in der anderen wohnung leben wechselnde besucher, so lange wie sie wollen. meine tochter, meine eltern, meine freunde. es fehlt ihnen an nichts, für alles ist gesorgt. sie brauchen nie mehr zu arbeiten, wenn sie keine lust haben. allerdings dürfen sie mich auch nicht stören.

ich bin eine viel diskutierte und erfolgreiche schriftstellerin. ich fülle die kassen der buchhandlungen genauso wie die spalten der feuilletons. ich gelte als schrullig und geheimnisvoll. seit jahren hat man mich nicht mehr in der öffentlichkeit gesehen. und wenn man mich sieht, erkennt man mich nicht. es existieren keine fotos von mir. oprah, leno, letterman, king, biolek, gaus, willemsen stehen schlange für ein interview. aber ich gebe keine interviews. niemand außer des notariell zum schweigen verpflichteten inner circle weiß, wo auf der welt ich mich aufhalte. niemand fragt mich, wie das wetter wird.

ich habe eine tarnkappe. wenn ich menschen beobachten will, ohne selbst von menschen beobachtet zu werden, setze ich sie auf. manchmal schleiche ich mich damit unter leute, hocke zwischen bettlern oder crack-süchtigen, schmuggle mich auf eine vip-party und belausche gespräche.

auch für sex ist gesorgt in meinem traum. ich besitze einen zweitschlüssel zum apartment des doorman. nachts besuche ich ihn manchmal. ich stehle mich in sein bett. ich trage meine tarnkappe. er denkt, ich sei ein traum. er würde mein sichtbares ich nie mit seinem traum in zusammenhang bringen. am nächsten tag, wenn wir uns vor der tür treffen, lächelt er mich an. verschmitzt und unverbindlich. wie immer. wie eine entfernte bekannte.