in einem zug durch russlands weiten
else buschheuer, jahrgang 1965, lebt als fernsehjournalistin und schriftstellerin in leipzig. die studierte bibliothekswissenschaftlerin, die eine der ersten bloggerinnen deutschlands war, twittert täglich unter http://twitter.com/
elsebuschheuer. über ihre reise mit der transsibirischen eisenbahn hat sie exklusiv für die inmotion eine gekürzte fassung ihres erlebnisberichts aufgeschrieben.
die kanzlerin hat einen traum. sie möchte gern mal mit der transsibirischen eisenbahn fahren. ich verstehe das. ich habe mir denselben traum vor vier jahren erfüllt. ich weiß noch, wie ich in der blaurotgelben lok der transsibirischen eisenbahn stand, wie ich auf den knopf drücken durfte. wie es hupte weit über den baikalsee. ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen.
eine gute woche vorher waren wir in moskau in den zug gestiegen. eine zweiwöchige reise, von europa nach asien. alles in diesem legendären zug, der rumpelt und quietscht und manchmal stundenlang bockig auf den gleisen steht, der entweder zu kalt ist oder zu warm, zu schnell oder zu langsam, und in dem alle schlafwagenschaffner viktor heißen. wer zahlt mehrere tausend euro für so viel beschwerlichkeit?
horst, ein malermeister und freimaurer aus dem pfälzischen, zum beispiel. nach der transsibirischen zugreise wird ihm von der welt nur noch der nordpol fehlen. oder der wikingerhafte sago, kneipenwirt aus dem schwarzwald. sechs kinder aus sechs ehen hat er. die siebte ehe, mit einer slowakin, die "gut schaffe kann", ist im anmarsch. sonst dominieren in den abteilen verschiedener komfortklassen paare mit und ohne kinder, eine chemielaborantin, ein versicherungskaufmann, eine studienrätin, ein computerfachmann, ein richter, viele rentner. ich wohne kabine 2, waggon 3: messingtürknäufe, messingbeschlagene lichtschalter und lampen, glänzend polierte holztüren. teppich mit patina, vorhänge mit troddeln, doppelstockpritsche. die klimaanlage brummt. das abteilfenster ist verplombt. aus dem brausekopf der dusche, die ich mit einem nöligen schweizer ehepaar teilen muss, lullert halbkaltes wasser.
hier irgendwo fließt die wolga. die landschaft gleitet vorüber. abends fallen wir in die kojen, rindfleisch nach
tatarenart zwischen den zähnen, wodka im blut. schlafen im zug = endlosrumpeln durch funk- und schlaglöcher. morgens weckt uns das knisternde bordradio. frühstück, beine-vertreten auf dem gang. in kasan, der hauptstadt der tataren, steigen wir aus. tamara, unsere moskauer reiseführerin, zeigt uns den schiefen turm, den iwan
der schreckliche aus liebe zu tatarenfürstin sjüjümbike
gebaut hat.
tags drauf überqueren wir den ural. hier ist die tundra. nein, die taiga. wir halten in jekaterinburg, dem geburtsort jelzins. hier wurde 1918 die zarenfamilie erschossen.
immer tiefer dringen wir in fremde zeitzonen ein. als wir am nächsten morgen erwachen, sind wir schon in sibirien. mittags stopp in nowosibirsk. nächtliche dampferfahrt auf dem ob. vom durch-die-waggons-taumeln im rumpelnden zug habe ich blaue flecken.
punktgenau erreichen wir am nächsten tag irkutsk. stadtrundfahrt. kathedralenbesichtigung. bootsfahrt auf dem baikalsee, der unter grundstücksmaklern en vogue ist, seit sich putin hier eine villa gekauft hat.
weiterfahrt. langsam schiebt sich der zug ein stück der klassischen transsibirischen strecke nach wladiwostok
entlang, ehe wir gen süden, richtung mongolei, abbiegen. die russischen köche, die in den kargen pausen kette
rauchen und nachts auf zusammengestellten stühlen im speisewagen schlafen, reichen salat und heringsbrötchen.
dann die steppe. ich sitze am frühstückstisch mit ivan, einem flamen, der mit seinem alten vater reist. wir starren aus dem fenster. der tiefhängende, endlose himmel, das gedimmte licht, dieses dunkle leuchten. die jurten, vereinzelte sahnekleckse in der landschaft, und fast mehr horizont als man ertragen kann. in ulan bator stehen busse bereit für eine tagestour in die mongolische schweiz mit stopp in einer jurte, in der nomaden leben, die routiniert im umgang mit touristen sind. aber dann reißt der keilriemen. und wir finden uns in unberührter landschaft, zwischen hügeln und tälern und jurten, in denen nomaden leben, die nie im leben touristen gesehen haben. was wohl die nomadenfamilie denkt, der wir uns nähern? wir werden es nicht erfahren und lassen uns mit trockenkäse und fermentierter, von fliegen umkreister stutenmilch bewirten.
nach dem nächsten veranstaltungspunkt, einem picknick mit in der milchkanne gekochtem hammel, gesalzenem tee und angeschlossener ringer-performance, darf ich einen adler halten. sechs kilo könig der lüfte auf einem ausgestreckten frauenarm, der in einem groben lederhandschuh steckt. der adler trägt eine lederkappe im rotgardistenschnitt mit augenbinde. sein schnabel, ein krummsäbel aus schartigem horn, hackt vor meinem gesicht in der luft herum. als ich den arm bewege, breitet der adler die riesigen schwingen aus und möchte fliegen.
am nächsten morgen bei sonnenaufgang hält unser zug mitten in gobi. bilderbuchwüste. gelber sand, wohin das verschlafene auge blickt. eidechsen, schlangen, kamelschädel. an der chinesischen grenze verabschieden wir uns von unseren russischen reiseführern. für die letzte reise-nacht müssen wir in einen hässlichen zug umziehen. die uhren ticken anders in „great leader“ maos land. die gleise haben andere maße. der schlafwagenschaffner wirft mich morgens um 6 im tonfall eines gefängniswärters aus dem bett und treibt mich in den frühstücksraum.
tags drauf erreichen wir unsere letzte station: peking, ein moloch aus beton und schillernden werbetafeln, ein mekka der buddhatempel und einkaufstempel, eine geschäftige und geschäftstüchtige ameisenburg, die quadratur des kreises: sozialistische doktrin plus coca cola zero.
vom hotel ist es nur ein fußmarsch zum platz des himmlischen friedens, dem größten platz der welt. ich wandere an der roten mauer der verbotenen stadt entlang, erkunde die shopping malls, gondele mit der beijing subway, mit rikshas, mit taxis umher und kaufe einen mao-wecker.
am letzten abend, beim abschieds-pekingenten-essen, wehmut. ich spüre heute noch den ruck, mit dem sich der adler von meinem arm abstoßen wollte. ich beneide jeden, der diese reise zum ersten mal macht. angela merkel hat durchaus noch was, worauf sie sich freuen kann, wenn sie mal nicht mehr kanzlerin ist.
elsebuschheuer. über ihre reise mit der transsibirischen eisenbahn hat sie exklusiv für die inmotion eine gekürzte fassung ihres erlebnisberichts aufgeschrieben.
die kanzlerin hat einen traum. sie möchte gern mal mit der transsibirischen eisenbahn fahren. ich verstehe das. ich habe mir denselben traum vor vier jahren erfüllt. ich weiß noch, wie ich in der blaurotgelben lok der transsibirischen eisenbahn stand, wie ich auf den knopf drücken durfte. wie es hupte weit über den baikalsee. ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen.
eine gute woche vorher waren wir in moskau in den zug gestiegen. eine zweiwöchige reise, von europa nach asien. alles in diesem legendären zug, der rumpelt und quietscht und manchmal stundenlang bockig auf den gleisen steht, der entweder zu kalt ist oder zu warm, zu schnell oder zu langsam, und in dem alle schlafwagenschaffner viktor heißen. wer zahlt mehrere tausend euro für so viel beschwerlichkeit?
horst, ein malermeister und freimaurer aus dem pfälzischen, zum beispiel. nach der transsibirischen zugreise wird ihm von der welt nur noch der nordpol fehlen. oder der wikingerhafte sago, kneipenwirt aus dem schwarzwald. sechs kinder aus sechs ehen hat er. die siebte ehe, mit einer slowakin, die "gut schaffe kann", ist im anmarsch. sonst dominieren in den abteilen verschiedener komfortklassen paare mit und ohne kinder, eine chemielaborantin, ein versicherungskaufmann, eine studienrätin, ein computerfachmann, ein richter, viele rentner. ich wohne kabine 2, waggon 3: messingtürknäufe, messingbeschlagene lichtschalter und lampen, glänzend polierte holztüren. teppich mit patina, vorhänge mit troddeln, doppelstockpritsche. die klimaanlage brummt. das abteilfenster ist verplombt. aus dem brausekopf der dusche, die ich mit einem nöligen schweizer ehepaar teilen muss, lullert halbkaltes wasser.
hier irgendwo fließt die wolga. die landschaft gleitet vorüber. abends fallen wir in die kojen, rindfleisch nach
tatarenart zwischen den zähnen, wodka im blut. schlafen im zug = endlosrumpeln durch funk- und schlaglöcher. morgens weckt uns das knisternde bordradio. frühstück, beine-vertreten auf dem gang. in kasan, der hauptstadt der tataren, steigen wir aus. tamara, unsere moskauer reiseführerin, zeigt uns den schiefen turm, den iwan
der schreckliche aus liebe zu tatarenfürstin sjüjümbike
gebaut hat.
tags drauf überqueren wir den ural. hier ist die tundra. nein, die taiga. wir halten in jekaterinburg, dem geburtsort jelzins. hier wurde 1918 die zarenfamilie erschossen.
immer tiefer dringen wir in fremde zeitzonen ein. als wir am nächsten morgen erwachen, sind wir schon in sibirien. mittags stopp in nowosibirsk. nächtliche dampferfahrt auf dem ob. vom durch-die-waggons-taumeln im rumpelnden zug habe ich blaue flecken.
punktgenau erreichen wir am nächsten tag irkutsk. stadtrundfahrt. kathedralenbesichtigung. bootsfahrt auf dem baikalsee, der unter grundstücksmaklern en vogue ist, seit sich putin hier eine villa gekauft hat.
weiterfahrt. langsam schiebt sich der zug ein stück der klassischen transsibirischen strecke nach wladiwostok
entlang, ehe wir gen süden, richtung mongolei, abbiegen. die russischen köche, die in den kargen pausen kette
rauchen und nachts auf zusammengestellten stühlen im speisewagen schlafen, reichen salat und heringsbrötchen.
dann die steppe. ich sitze am frühstückstisch mit ivan, einem flamen, der mit seinem alten vater reist. wir starren aus dem fenster. der tiefhängende, endlose himmel, das gedimmte licht, dieses dunkle leuchten. die jurten, vereinzelte sahnekleckse in der landschaft, und fast mehr horizont als man ertragen kann. in ulan bator stehen busse bereit für eine tagestour in die mongolische schweiz mit stopp in einer jurte, in der nomaden leben, die routiniert im umgang mit touristen sind. aber dann reißt der keilriemen. und wir finden uns in unberührter landschaft, zwischen hügeln und tälern und jurten, in denen nomaden leben, die nie im leben touristen gesehen haben. was wohl die nomadenfamilie denkt, der wir uns nähern? wir werden es nicht erfahren und lassen uns mit trockenkäse und fermentierter, von fliegen umkreister stutenmilch bewirten.
nach dem nächsten veranstaltungspunkt, einem picknick mit in der milchkanne gekochtem hammel, gesalzenem tee und angeschlossener ringer-performance, darf ich einen adler halten. sechs kilo könig der lüfte auf einem ausgestreckten frauenarm, der in einem groben lederhandschuh steckt. der adler trägt eine lederkappe im rotgardistenschnitt mit augenbinde. sein schnabel, ein krummsäbel aus schartigem horn, hackt vor meinem gesicht in der luft herum. als ich den arm bewege, breitet der adler die riesigen schwingen aus und möchte fliegen.
am nächsten morgen bei sonnenaufgang hält unser zug mitten in gobi. bilderbuchwüste. gelber sand, wohin das verschlafene auge blickt. eidechsen, schlangen, kamelschädel. an der chinesischen grenze verabschieden wir uns von unseren russischen reiseführern. für die letzte reise-nacht müssen wir in einen hässlichen zug umziehen. die uhren ticken anders in „great leader“ maos land. die gleise haben andere maße. der schlafwagenschaffner wirft mich morgens um 6 im tonfall eines gefängniswärters aus dem bett und treibt mich in den frühstücksraum.
tags drauf erreichen wir unsere letzte station: peking, ein moloch aus beton und schillernden werbetafeln, ein mekka der buddhatempel und einkaufstempel, eine geschäftige und geschäftstüchtige ameisenburg, die quadratur des kreises: sozialistische doktrin plus coca cola zero.
vom hotel ist es nur ein fußmarsch zum platz des himmlischen friedens, dem größten platz der welt. ich wandere an der roten mauer der verbotenen stadt entlang, erkunde die shopping malls, gondele mit der beijing subway, mit rikshas, mit taxis umher und kaufe einen mao-wecker.
am letzten abend, beim abschieds-pekingenten-essen, wehmut. ich spüre heute noch den ruck, mit dem sich der adler von meinem arm abstoßen wollte. ich beneide jeden, der diese reise zum ersten mal macht. angela merkel hat durchaus noch was, worauf sie sich freuen kann, wenn sie mal nicht mehr kanzlerin ist.
inmotion, gekürzte fassung aus der WELT am sonntag 2006