orte, an die niemand reisen mag: glashütte!
7.00
der wecker klingelt. berlin schläft noch. heute reise ich nach glashütte. für ein projekt, das heißt: orte wo keine frau hin will. oder sau hin will.
8.25
wo ist eigentlich glashütte?
8.30
internet-recherche ergibt, dass sich glashütte in meiner heimat sachsen befindet (schäme mich, aber nicht lange).
telefonat mit eltern ergibt, dass mein vater meiner mutter vor zwanzig jahren eine glashütte-uhr geschenkt hat, welche meine mutter heute noch trägt und welche läuft und läuft und läuft (bin gerührt, aber nicht lange).
8.35
auf der internetseite der stadt glashütte erklärt bürgermeister frank reichel, dass ich alles, was ich über glashütte wissen möchte, auf dieser homepage erfahre. hoffnungsschimmer. muss ich vielleicht gar nicht hinfahren?
8.40
telefonat mit meinen auftraggebern ergibt, dass ich doch hinfahren muss. wo ich wohl wohnen werde? im gasthof brettelhäusl (fließend warmes und kaltes wasser)? in der pension rolf vogeler (haustiere auf anfrage)? im ferienzimmer günter weinhold (fernseher im aufenthaltsraum)? in der pension graf (kinderzimmer mit doppelstockbetten)?
9.00
herr montag klingelt. herr montag fährt mich mit dem auto nach glashütte. ich packe noch rasch eine cd mit kampfliedern ein.
9.08
wir fahren los. kilometerstand 6968, ab berlin-charlottenburg.
9.20
enttäuscht. herr montag hat keinen cd-player. ich teile ihm mit, dass ich beabsichtige, es in glashütte richtig krachen zu lassen. herr montag ist der auffassung, glashütte sei kein ort zum krachenlassen.
9.25
herr montag beweist geschmack, indem er meine giftgrüne east-village-jacke lobt. die atmosphäre wird freundschaftlicher. herr montag räumt ein, dass es schwierig sei, etwas poetisches in glashütte zu finden. daher sind wir dichter und denker engagiert worden.
ich vertraue herrn montag an, dass wir dichter und denker erst zu hochform auflaufen, wenn sich ein entsprechender leidensdruck herstellen lässt. herr montag sagt, leidensdruck ließe sich in glashütte ohne weiteres herstellen. er selbst habe mal ein jahr dort gelebt und wisse, wovon er spreche.
ich bin nun sehr zuversichtlich.
9.50
ich erfahre von herrn montag
1. ...dass es in glashütte ein uhrenmuseum gibt.
2. ... dass ich im hotel „zum silberstollen“ wohnen werde.
vom hotel „zum silberstollen“ vermutet herr montag, dass es kein internet hat. ich weine bis ca. 10 uhr.
10.05.
autobahnvollsperrung
10.10
montag und ich stehen im stau. in brandenburg. zwischen berlin und dresden. laut adac-stau-hotline, weil an der a13 nahe glashütte (leider nicht unseres, sondern eines von den 42 anderen in deutschland) gerade eine sprengung stattfindet. ich schlage vor, dass wir dann halt dieses glashütte besuchen, aber montag beharrt auf glashütte in sachsen.
10.40
immer noch stau. montag schläft.
10.50
ich wecke montag und frage ihn, ob er abends lieber kegeln, minigolf spielen oder klöppeln will. er empfiehlt eine pferdekutschfahrt vom ortsteil dittersdorf aus. ich teile ihm mit, ich würde am liebsten eine bunker-und sickergruben-besichtigungstour mit anschließender nachtwanderung machen. montag wirkt angespannt.
11.05
wir fahren wieder. montag ist eingeschnappt, weil ich gesagt habe, er fährt wie ein ossi.
11.15
montag entdeckt rechtzeitig eine radarfalle bei kilometer 7054. wenig später passieren wir kalau. ich frage, ob wir nicht ein paar kalauer mitnehmen wollen, aber montag will nicht.
11.25
wir passieren finsterwalde. herr montag versucht, einen haiku auf „sickergrube“ zu dichten. er scheitert. ich frage, ob er was dagegen hätte, wenn ich mich auf dem marktplatz von glashütte festkette. herr montag findet das eine gute idee und sagt, die handschellen dafür kriegen wir auf jeden fall im glashütter jagdwaffenladen.
11.35
ich bringe herrn montag bei, limbach-oberfrohna auf sächsisch zu sagen. für einen wessi kann er das ganz gut: „limboch-oborfrohno“. dabei sind wir noch nicht mal in sachsen. wir fahren freihenhufener eck raus, tank- und pinkelpause. ich schlage vor, eine audiokassette von brunner & brunner zu kaufen, aber montag will nicht.
11.54
high noon. wir erreichen den freistaat sachsen. montag erzählt, dass in den 20er jahren in glashütte die blütezeit der klodeckelpolierer war. soll auch zu streitereien geführt haben zwischen den uhrmachern und den klodeckelpolierern. die uhrmacher wollten morgens auf dem weg zur arbeit nicht den klodeckelpolierern begegnen. daraufhin mussten die klodeckelpolierer eine viertelstunde früher anfangen zu arbeiten. ich lege eine gedenkminute für die glashütter klodeckelpolierer ein. wir nehmen kurs auf dresden. herr montag, der über ein großes allgemeinwissen verfügt, erzählt mir grade, dass schall eine wulst über der schallquelle bildet. die wulst habe die form einer gurke.
12.10
ich erzähle herrn montag einen witz, den mir wolfgang niedecken gestern erzählt hat: „warum hat nero rom zerstört? weil’s da düsseldorf noch nicht gab.“ herr montag findet den witz nicht lustig. er stammt aus düsseldorf. ich schäme mich, aber nicht lange.
12.45
wir passieren kleinpestitz. hier wird eine autobahn nach prag gebaut. herr montag und ich machen den 5-minuten-selbsttest „aktivleben trotz migräne – bin ich betroffen?“ aus der bildzeitung. ergebnis: herr montag neigt nicht zu migräne, ich schon.
12.50
frau mahler vom stern ruft an. eigentlich wollte sie mich in glashütte fotografieren, aber jetzt ist sie krank geworden. in possendorf gibt es zimmer ab 11 euro, aber montag will nach glashütte.
13.00
pinkelpause in oberhäslich, in dessen gasthof es früher eine speise namens „oberhäslicher grillteller“ gegeben haben soll. sagt die legende. sagt montag.
13.15
jetzt fahren wir runter ins tal. und in dem tal ist glashütte. kilometerstand: 7193. ich habe das gefühl, ich kenne herrn montag schon seit jahren.
13.25
und da tut es sich auch schon vor uns auf: glashütte, ort, wo keine sau hinwill, ziemlich exakt zwischen dresden und dem gigantischen tschechischen straßenstrich teplice. glashütte, über dem wulstig der schall hinge, wenn da schall wäre - und zwar in form eine gurke.
13.30
herr montag fährt mit mir einmal mittendurch (was flott geht, denn glashütte ist nicht new york). Er zeigt mir den marktplatz, auf dem samstags äpfel verkauft werden, wochentags broiler. er zeigt mir dreiundneunzig uhrenfirmen. er zeigt mir, wo früher puff, fitnesscenter, brauerei, multicenter und andere inzwischen pleite gegangene unternehmen waren und steuert dann das hotel „zum silberstollen“ an, welches an einem kleinen lullerflüsschen liegt, dessen name mir grade entfallen ist.
das hotel verfügt über drei zimmer. in zweien davon wohnen heute nacht herr montag und ich, also jeder in einem. „willgomm im lätztn deil der welt“, sagt der kullerbäuchige wirt. sein sächsisch ähnelt dem in meiner heimatstadt eilenburg.
13.40
verabrede mich mit herrn montag für 18.30 uhr am schaukelstuhl auf dem flur, zum abendessen, nach dem wir es richtig krachen lassen wollen.
13.50
bin online! es folgt eine gute stunde e-mail-verkehr mit dem rest der welt.
15.00
fertig gemacht zur glashütte-erkundungstour. überlege kurz, ob ich den bürgermeister frank reichel aufsuchen sollte. aber warum eigentlich. suche das stadtzentrum, auf gut glück linksrum, der sonne entgegen. die jungen männer in glashütte sehen aus wie meine eilenburger cousins, untersetzt, mit dauerwelle und schnäuzer.
15.10
im schaukasten der bibliothek finde ich eine einladung zum seniorennachmittag. thema: augenprobleme und hörschwierigkeiten. am wochenende ist teenie-disco im dancehaus „kulti“ mit jackpot und videoshow. im schülerclub werden diese woche erdnussketten für vogelhäuschen gebastelt.
15.46
blumenzauber seidel. kranzbinderei klemm. hobby- und bastel-weidig. obst und gemüse schlottwitz. tapeten-ebert. elektro-faust. bei „pfennigpfeifer“ („wir pfeifen die preise weg!“) kaufe ich alpha-kraftma-brot, erdnuß-flips, leckermäulchen-früchtequark, knusperflocken und hallorenkugeln. beim weitergehen fresse ich alle soeben erworbenen lebensmittel auf.
16.10
im fleisch- und wurstwaren-fachgeschäft kaufe ich mir eine „gragauor mit maierohn unn gümmel“ und verzehre sie umgehend.
16.11
übergebe mich vor uhren schmuck hofmann.
16.15
im zeitungsladen kaufe ich eine sächsische zeitung. im dippoldiswalder lokalteil steht, dass in der sparkasse freital-pirna keine entlassungen geplant sind. dass ein finanzielles sanierungskonzept für das schönfelder hotel am rennberg aufgestellt wird. dass die altenberger grubenlok verkauft wird. und dass andrea lommatzsch aus dem schmiedeberger blumengeschäft liebscher heute, am valentinstag, alle hände voll zu tun hat. auf dem foto sieht andrea lommatzsch aus wie ein kleiner freundlicher hamster, der eine blaue schütze trägt und nelken in der hand balanciert. sehr gerührt bin ich von der todesanzeige von kurt und anni liebscher aus pretzschendorf. „sie sind nach langer schwerer krankheit am 11. und am 12.2. von uns gegangen.“, schreiben die kinder. ich setze mich an die bushaltestelle und weine.
die valentins-anzeigen auf der nächsten seite heben meine stimmung wieder: „lieber alles verlieren und dich haben als dich verlieren und alles haben. dein hasenzahn.“ oder „mein bärchen! danke für die schöne zeit mit dir! in liebe – deine miez, dein haas und deine mausi.“
16.30
nun muss ich mir nur noch zwei stunden vertreiben, bis ich mit herrn montag am schaukelstuhl im hotel „silberstollen“ verabredet bin, um es richtig krachen lassen.
16.31
im schaufenster der bäckerei lehmann hängt ein zettel: „schöne sonnige 2 -raum-wohnung, 68,4 qm, 2. etage, gasheizung iwc und bad neu, zu erfragen im laden.“ ich gehe in den laden und erfrage die. bäcker lehmann wirft einen blick auf meine in harlem geknüpften dreadlocks, sagt aber nichts. er führt mich in die wohnung, in der vorher eine alte dame gewohnt hat, die, wenn mich meine nase nicht täuscht, blasenschwach war. bäcker lehmann möchte 9 euro den quadratmeter, dazu kommen 5 euro für den kubikmeter wasser und weitere 5 für den kubikmeter abwasser. da wohne ich in berlin günstiger. sehr schön erklärt bäcker lehmann: „dos hior is die stube, da gennse feuern wiese wollen.“ – „stube“ für wohnzimmer und „feuern“ für heizen, das sind worte meiner kindheit, die ich nun wiedergefunden habe. dank bäcker lehmann.
17.30 uhr
zurück im “silberstollen“. der wirt meldet, dass frau mahler vom stern doch eingetroffen ist und das dritte zimmer bewohnt. draußen wird es dunkel. in glashütte wird es früher dunkel als anderswo. dadurch, dass das tal so tief ist. die glashütter zeitverschiebung. sagt montag. aber der erzählt viel, wenn der tag lang ist.
18.10
will kurz ausruhen, schlafe aber umgehend ein.
18.40
herr montag, der seit zehn minuten am schaukelstuhl wartet, klopft an meine zimmertür. gemeinsam mit frau mahler vom stern besuchen wir das hauseigene restaurant. ich hoffe, herr montag hat das mit dem krachenlassen vergessen. ich für meinen teil will einfach nur zurück ins bett.
die speisekarten werden im „arschleder“ gereicht. ich bestelle sächsischen sauerbraten, frau mahler schweinshaxe und herr montag einen wildgulasch. der wirt heißt nicht, wie ich fälschlicherweise annahm, herr silberstollen, sondern herr richter.
20.00
jetzt weiß ich, warum keine frau oder/und auch sau nach glashütte will. glashütte ist die größte tsetse-fliege der welt. seit jahren war ich nicht so müde. wie fassbinder schon sagte: „schlafen kann ich, wenn ich in glashütte bin.“
während es herr montag und frau mahler vermutlich krachen lassen, falle ich unter richters klammem federbett in einen todesähnlichen schlaf, träume von erdnussketten, sickergruben, lärmgurken, klodeckelpolierern und dass ich in der schönen sonnigen 2-raum-wohnung von bäcker lehmann kräftig die stube feuere.
der wecker klingelt. berlin schläft noch. heute reise ich nach glashütte. für ein projekt, das heißt: orte wo keine frau hin will. oder sau hin will.
8.25
wo ist eigentlich glashütte?
8.30
internet-recherche ergibt, dass sich glashütte in meiner heimat sachsen befindet (schäme mich, aber nicht lange).
telefonat mit eltern ergibt, dass mein vater meiner mutter vor zwanzig jahren eine glashütte-uhr geschenkt hat, welche meine mutter heute noch trägt und welche läuft und läuft und läuft (bin gerührt, aber nicht lange).
8.35
auf der internetseite der stadt glashütte erklärt bürgermeister frank reichel, dass ich alles, was ich über glashütte wissen möchte, auf dieser homepage erfahre. hoffnungsschimmer. muss ich vielleicht gar nicht hinfahren?
8.40
telefonat mit meinen auftraggebern ergibt, dass ich doch hinfahren muss. wo ich wohl wohnen werde? im gasthof brettelhäusl (fließend warmes und kaltes wasser)? in der pension rolf vogeler (haustiere auf anfrage)? im ferienzimmer günter weinhold (fernseher im aufenthaltsraum)? in der pension graf (kinderzimmer mit doppelstockbetten)?
9.00
herr montag klingelt. herr montag fährt mich mit dem auto nach glashütte. ich packe noch rasch eine cd mit kampfliedern ein.
9.08
wir fahren los. kilometerstand 6968, ab berlin-charlottenburg.
9.20
enttäuscht. herr montag hat keinen cd-player. ich teile ihm mit, dass ich beabsichtige, es in glashütte richtig krachen zu lassen. herr montag ist der auffassung, glashütte sei kein ort zum krachenlassen.
9.25
herr montag beweist geschmack, indem er meine giftgrüne east-village-jacke lobt. die atmosphäre wird freundschaftlicher. herr montag räumt ein, dass es schwierig sei, etwas poetisches in glashütte zu finden. daher sind wir dichter und denker engagiert worden.
ich vertraue herrn montag an, dass wir dichter und denker erst zu hochform auflaufen, wenn sich ein entsprechender leidensdruck herstellen lässt. herr montag sagt, leidensdruck ließe sich in glashütte ohne weiteres herstellen. er selbst habe mal ein jahr dort gelebt und wisse, wovon er spreche.
ich bin nun sehr zuversichtlich.
9.50
ich erfahre von herrn montag
1. ...dass es in glashütte ein uhrenmuseum gibt.
2. ... dass ich im hotel „zum silberstollen“ wohnen werde.
vom hotel „zum silberstollen“ vermutet herr montag, dass es kein internet hat. ich weine bis ca. 10 uhr.
10.05.
autobahnvollsperrung
10.10
montag und ich stehen im stau. in brandenburg. zwischen berlin und dresden. laut adac-stau-hotline, weil an der a13 nahe glashütte (leider nicht unseres, sondern eines von den 42 anderen in deutschland) gerade eine sprengung stattfindet. ich schlage vor, dass wir dann halt dieses glashütte besuchen, aber montag beharrt auf glashütte in sachsen.
10.40
immer noch stau. montag schläft.
10.50
ich wecke montag und frage ihn, ob er abends lieber kegeln, minigolf spielen oder klöppeln will. er empfiehlt eine pferdekutschfahrt vom ortsteil dittersdorf aus. ich teile ihm mit, ich würde am liebsten eine bunker-und sickergruben-besichtigungstour mit anschließender nachtwanderung machen. montag wirkt angespannt.
11.05
wir fahren wieder. montag ist eingeschnappt, weil ich gesagt habe, er fährt wie ein ossi.
11.15
montag entdeckt rechtzeitig eine radarfalle bei kilometer 7054. wenig später passieren wir kalau. ich frage, ob wir nicht ein paar kalauer mitnehmen wollen, aber montag will nicht.
11.25
wir passieren finsterwalde. herr montag versucht, einen haiku auf „sickergrube“ zu dichten. er scheitert. ich frage, ob er was dagegen hätte, wenn ich mich auf dem marktplatz von glashütte festkette. herr montag findet das eine gute idee und sagt, die handschellen dafür kriegen wir auf jeden fall im glashütter jagdwaffenladen.
11.35
ich bringe herrn montag bei, limbach-oberfrohna auf sächsisch zu sagen. für einen wessi kann er das ganz gut: „limboch-oborfrohno“. dabei sind wir noch nicht mal in sachsen. wir fahren freihenhufener eck raus, tank- und pinkelpause. ich schlage vor, eine audiokassette von brunner & brunner zu kaufen, aber montag will nicht.
11.54
high noon. wir erreichen den freistaat sachsen. montag erzählt, dass in den 20er jahren in glashütte die blütezeit der klodeckelpolierer war. soll auch zu streitereien geführt haben zwischen den uhrmachern und den klodeckelpolierern. die uhrmacher wollten morgens auf dem weg zur arbeit nicht den klodeckelpolierern begegnen. daraufhin mussten die klodeckelpolierer eine viertelstunde früher anfangen zu arbeiten. ich lege eine gedenkminute für die glashütter klodeckelpolierer ein. wir nehmen kurs auf dresden. herr montag, der über ein großes allgemeinwissen verfügt, erzählt mir grade, dass schall eine wulst über der schallquelle bildet. die wulst habe die form einer gurke.
12.10
ich erzähle herrn montag einen witz, den mir wolfgang niedecken gestern erzählt hat: „warum hat nero rom zerstört? weil’s da düsseldorf noch nicht gab.“ herr montag findet den witz nicht lustig. er stammt aus düsseldorf. ich schäme mich, aber nicht lange.
12.45
wir passieren kleinpestitz. hier wird eine autobahn nach prag gebaut. herr montag und ich machen den 5-minuten-selbsttest „aktivleben trotz migräne – bin ich betroffen?“ aus der bildzeitung. ergebnis: herr montag neigt nicht zu migräne, ich schon.
12.50
frau mahler vom stern ruft an. eigentlich wollte sie mich in glashütte fotografieren, aber jetzt ist sie krank geworden. in possendorf gibt es zimmer ab 11 euro, aber montag will nach glashütte.
13.00
pinkelpause in oberhäslich, in dessen gasthof es früher eine speise namens „oberhäslicher grillteller“ gegeben haben soll. sagt die legende. sagt montag.
13.15
jetzt fahren wir runter ins tal. und in dem tal ist glashütte. kilometerstand: 7193. ich habe das gefühl, ich kenne herrn montag schon seit jahren.
13.25
und da tut es sich auch schon vor uns auf: glashütte, ort, wo keine sau hinwill, ziemlich exakt zwischen dresden und dem gigantischen tschechischen straßenstrich teplice. glashütte, über dem wulstig der schall hinge, wenn da schall wäre - und zwar in form eine gurke.
13.30
herr montag fährt mit mir einmal mittendurch (was flott geht, denn glashütte ist nicht new york). Er zeigt mir den marktplatz, auf dem samstags äpfel verkauft werden, wochentags broiler. er zeigt mir dreiundneunzig uhrenfirmen. er zeigt mir, wo früher puff, fitnesscenter, brauerei, multicenter und andere inzwischen pleite gegangene unternehmen waren und steuert dann das hotel „zum silberstollen“ an, welches an einem kleinen lullerflüsschen liegt, dessen name mir grade entfallen ist.
das hotel verfügt über drei zimmer. in zweien davon wohnen heute nacht herr montag und ich, also jeder in einem. „willgomm im lätztn deil der welt“, sagt der kullerbäuchige wirt. sein sächsisch ähnelt dem in meiner heimatstadt eilenburg.
13.40
verabrede mich mit herrn montag für 18.30 uhr am schaukelstuhl auf dem flur, zum abendessen, nach dem wir es richtig krachen lassen wollen.
13.50
bin online! es folgt eine gute stunde e-mail-verkehr mit dem rest der welt.
15.00
fertig gemacht zur glashütte-erkundungstour. überlege kurz, ob ich den bürgermeister frank reichel aufsuchen sollte. aber warum eigentlich. suche das stadtzentrum, auf gut glück linksrum, der sonne entgegen. die jungen männer in glashütte sehen aus wie meine eilenburger cousins, untersetzt, mit dauerwelle und schnäuzer.
15.10
im schaukasten der bibliothek finde ich eine einladung zum seniorennachmittag. thema: augenprobleme und hörschwierigkeiten. am wochenende ist teenie-disco im dancehaus „kulti“ mit jackpot und videoshow. im schülerclub werden diese woche erdnussketten für vogelhäuschen gebastelt.
15.46
blumenzauber seidel. kranzbinderei klemm. hobby- und bastel-weidig. obst und gemüse schlottwitz. tapeten-ebert. elektro-faust. bei „pfennigpfeifer“ („wir pfeifen die preise weg!“) kaufe ich alpha-kraftma-brot, erdnuß-flips, leckermäulchen-früchtequark, knusperflocken und hallorenkugeln. beim weitergehen fresse ich alle soeben erworbenen lebensmittel auf.
16.10
im fleisch- und wurstwaren-fachgeschäft kaufe ich mir eine „gragauor mit maierohn unn gümmel“ und verzehre sie umgehend.
16.11
übergebe mich vor uhren schmuck hofmann.
16.15
im zeitungsladen kaufe ich eine sächsische zeitung. im dippoldiswalder lokalteil steht, dass in der sparkasse freital-pirna keine entlassungen geplant sind. dass ein finanzielles sanierungskonzept für das schönfelder hotel am rennberg aufgestellt wird. dass die altenberger grubenlok verkauft wird. und dass andrea lommatzsch aus dem schmiedeberger blumengeschäft liebscher heute, am valentinstag, alle hände voll zu tun hat. auf dem foto sieht andrea lommatzsch aus wie ein kleiner freundlicher hamster, der eine blaue schütze trägt und nelken in der hand balanciert. sehr gerührt bin ich von der todesanzeige von kurt und anni liebscher aus pretzschendorf. „sie sind nach langer schwerer krankheit am 11. und am 12.2. von uns gegangen.“, schreiben die kinder. ich setze mich an die bushaltestelle und weine.
die valentins-anzeigen auf der nächsten seite heben meine stimmung wieder: „lieber alles verlieren und dich haben als dich verlieren und alles haben. dein hasenzahn.“ oder „mein bärchen! danke für die schöne zeit mit dir! in liebe – deine miez, dein haas und deine mausi.“
16.30
nun muss ich mir nur noch zwei stunden vertreiben, bis ich mit herrn montag am schaukelstuhl im hotel „silberstollen“ verabredet bin, um es richtig krachen lassen.
16.31
im schaufenster der bäckerei lehmann hängt ein zettel: „schöne sonnige 2 -raum-wohnung, 68,4 qm, 2. etage, gasheizung iwc und bad neu, zu erfragen im laden.“ ich gehe in den laden und erfrage die. bäcker lehmann wirft einen blick auf meine in harlem geknüpften dreadlocks, sagt aber nichts. er führt mich in die wohnung, in der vorher eine alte dame gewohnt hat, die, wenn mich meine nase nicht täuscht, blasenschwach war. bäcker lehmann möchte 9 euro den quadratmeter, dazu kommen 5 euro für den kubikmeter wasser und weitere 5 für den kubikmeter abwasser. da wohne ich in berlin günstiger. sehr schön erklärt bäcker lehmann: „dos hior is die stube, da gennse feuern wiese wollen.“ – „stube“ für wohnzimmer und „feuern“ für heizen, das sind worte meiner kindheit, die ich nun wiedergefunden habe. dank bäcker lehmann.
17.30 uhr
zurück im “silberstollen“. der wirt meldet, dass frau mahler vom stern doch eingetroffen ist und das dritte zimmer bewohnt. draußen wird es dunkel. in glashütte wird es früher dunkel als anderswo. dadurch, dass das tal so tief ist. die glashütter zeitverschiebung. sagt montag. aber der erzählt viel, wenn der tag lang ist.
18.10
will kurz ausruhen, schlafe aber umgehend ein.
18.40
herr montag, der seit zehn minuten am schaukelstuhl wartet, klopft an meine zimmertür. gemeinsam mit frau mahler vom stern besuchen wir das hauseigene restaurant. ich hoffe, herr montag hat das mit dem krachenlassen vergessen. ich für meinen teil will einfach nur zurück ins bett.
die speisekarten werden im „arschleder“ gereicht. ich bestelle sächsischen sauerbraten, frau mahler schweinshaxe und herr montag einen wildgulasch. der wirt heißt nicht, wie ich fälschlicherweise annahm, herr silberstollen, sondern herr richter.
20.00
jetzt weiß ich, warum keine frau oder/und auch sau nach glashütte will. glashütte ist die größte tsetse-fliege der welt. seit jahren war ich nicht so müde. wie fassbinder schon sagte: „schlafen kann ich, wenn ich in glashütte bin.“
während es herr montag und frau mahler vermutlich krachen lassen, falle ich unter richters klammem federbett in einen todesähnlichen schlaf, träume von erdnussketten, sickergruben, lärmgurken, klodeckelpolierern und dass ich in der schönen sonnigen 2-raum-wohnung von bäcker lehmann kräftig die stube feuere.
Orte, an die niemand reisen mag: Glashütte!
(hrsg. von Judith Borowski; Kommunikationsverlag, Berlin 2002)
(hrsg. von Judith Borowski; Kommunikationsverlag, Berlin 2002)